Durch die Heide - Aktuelle Ausgabe - PRISE

Durch die Heide

Wolfgang Koltermann schärft den Blick für die Schönheit der Natur
Von Melanie Jepsen
Das Grün, der Gesang der Vögel, die Bäume im Wechsel der Jahreszeiten, die warme Sonne auf der Haut. Es gibt wohl kaum bessere Gründe, warum die Natur Wolfgang Koltermann so fasziniert. Seit mehreren Jahren führt der heute 75-Jährige Interessierte durch die Lüneburger Heide und begeistert sie für die Vielfalt und die Geheimnisse der Natur. Das ganze Jahr über. Bei Wind und Wetter.

Den Blick für die Schönheit der Natur bekam Wolfgang Koltermann schon früh. Seine Kindheit verbrachte er in der Nordeifel. Noch heute erinnert er sich gerne an die Landschaft, die ihn so geprägt hat, zurück. Sein Vater ging viel mit ihm und seinen Geschwistern spazieren und erklärte ihnen Bäume, Pflanzen und Tiere. „Da ist die Liebe zur Natur in mir erwacht.“ Als 14-Jähriger erkundete er dann mit dem Rad die Wälder oder ging querfeldein auf Entdeckungstouren.

Die Passion für die Natur zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Um auch anderen Interessierten Wald und Heide näher zu bringen, ließ sich Wolfgang Koltermann, der bis zu seinem Ruhestand als Werbekaufmann tätig war, zum zertifizierten Natur- und Landschaftsführer ausbilden. Der Lehrgang, angeboten vom Naturpark Lüneburger Heide, der Alfred Töpfer Akademie für Naturschutz und dem Naturpark Südheide, erstreckte sich im Blockunterricht über mehrere Wochen. Am Ende stand die theoretische und praktische Prüfung. Zertifizierte Landschaftsführer wie Wolfgang Koltermann sind Botschafter ihrer Region.
Kruse
NATURSCHAUSPIEL Die Schwindequelle bei Soderstorf ist ein beliebtes Ausflugsziel für Einheimische und Touristen. Es ist die zweitwasserreichste Quelle Niedersachsens.
NATURSCHAUSPIEL Die Schwindequelle bei Soderstorf ist ein beliebtes Ausflugsziel für Einheimische und Touristen. Es ist die zweitwasserreichste Quelle Niedersachsens.
Ich treffe den Naturliebhaber nahe der Schwindequelle bei Soderstorf/Schwindebeck. Über einen kleinen Waldpfad gelangen wir zum Quelltopf. Die Schwindequelle, so erklärt mir der Natur- und Landschaftsführer, gilt mit fast 60 Litern pro Sekunde als die zweitwasserreichste Quelle Niedersachsens. Seit 1936 steht sie unter Naturschutz. Das Wasser wird aus dem sandigen Grund nach oben gedrückt und erzeugt kleine Sandfontänen. Dabei werden Eisenoxide und Manganoxide abgelagert, die der Quelle ihre unverkennbare Färbung verleihen. „Das ist wirklich faszinierend“, sagt Wolfgang Koltermann, während wir am Quelltopf stehen. „Es ist jedes Mal ein neues und überraschendes Schauspiel.“ Nicht ohne Grund werde sie auch als Naturwunder bezeichnet.

Die Schwindequelle besuchten er und seine Frau zum ersten Mal vor etwa 40 Jahren, als sie nach Dehnsen zogen. Mit der Quelle verbindet der Familienvater viele Erinnerungen an Ausflüge mit seiner Familie. Noch heute steuern seine Kinder gerne diesen Ort an, wenn sie zu Besuch kommen. Früher hat er ihnen die Tier- und Pflanzenwelt erklärt. Heute seien es Tochter und Sohn, die ihn auf vieles in dieser Naturlandschaft aufmerksam machen, erzählt der Natur- und Landschaftsführer stolz.

Von der Schwindequelle aus geht es über den Heide-Panorama- Weg durch die Schwindebecker Heide. Von August bis September blüht diese einzigartige Kulturlandschaft. Damit Gehölze wie Birken, Eichen und Kiefern die Heide nicht verdrängen und ihr das Licht nehmen, muss sie immer wieder entkusselt werden. Mit dem Naturpark Lüneburger Heide und dem Verein Regionale Kulturlandschaft Samtgemeinde Amelinghausen (Regio Kult), dem Wolfgang Koltermann angehört, ruft er jährlich dazu auf, gemeinsam mit weiteren freiwilligen Helfern das Gehölz zu entfernen.
ANSCHAULICH erklärt Wolfgang Koltermann das Geweih eines Heidebocks.
ANSCHAULICH erklärt Wolfgang Koltermann das Geweih eines Heidebocks.
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QUER durch die Schwindebecker Heide führt der Heide-Panorama-Weg, der zum Wandern ausgewiesen ist.
Wolfgang Koltermann möchte mit seinen Entdeckungstouren die Sinne ansprechen. Es geht ums bewusste Sehen. Darum, genau hinzuhören, zu riechen, zu fühlen, zu beobachten. Sich ganz auf die Natur und ihre Besonderheiten einzulassen. Auch ich versuche, Flora und Fauna bewusst wahrzunehmen, während um mich herum die Baumkronen im Wind rauschen. Am Wegesrand fallen mir Bäume, Blumen, Gräser und Kräuter auf, an denen ich sonst auf meinen Spaziergängen nicht Halt mache. So probiere ich zum ersten Mal überhaupt ein Buchenblatt, das sich, wie Wolfgang Koltermann mir erklärt, durch seinen leicht nussigen Geschmack auszeichnet. Wenig später entdecken wir Johanniskraut und Spitzwegerich. Von weitem sehen wir wilde Blaubeerflächen zwischen den Bäumen.

Bewusst nehme ich die Beschaffenheit des sandigen Bodens wahr, beobachte das Wolkenspiel am Himmel. Ein Reiher fliegt vor uns hoch oben über den Weg hinweg. Vom Feldherrenhügel aus, den wir nach einem guten Fußmarsch erreichen, haben wir einen eindrucksvollen Blick auf die weitläufigen Flächen. Früher diente dieser Teil der Heide als militärische Übungsfläche der Britischen Rheinarmee. Heute hat sich die Natur dank der Revitalisierung ihren Platz zurückerobert. „Hier gibt es immer wieder andere Blickwinkel“, freut sich der Landschaftsführer.

Er hat schon viele Menschen durch die Heide geführt, kennt die Wege in und auswendig. Und doch gibt es besondere Momente, die auch ihn immer wieder aufs Neue begeistern: „Wenn sich der Vollmond im Lopausee spiegelt, ist das ein fantastisches Bild.“ Die Landschaft beeindruckt Wolfgang Koltermann zu jeder Jahreszeit. Während man im Sommer zahlreiche Blumen und Pflanzen und mit etwas Glück abends auch Glühwürmchen erleben könne, seien es im Winter die Spuren der Tiere im Schnee. „Die Heide ist voller Geschichten“, schwärmt der 75-Jährige. Während ich ihm zuhöre, wird mir bewusst, dass diese Kulturlandschaft so viel mehr zu erzählen hat, als dass ich es mit Worten beschreiben könnte. Hinzuschauen, die Sinne schärfen. Mehr braucht es nicht.
Fotos: tonwert21.de (5), mj (1)
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„Hier gibt es immer wieder andere Blickwinkel.“
                
WOLFGANG KOLTERMANN
NATUR- UND LANDSCHAFTSFÜHRER
Autohaus Below e.K.
Mit fast
60
Litern pro Sekunde gilt die Schwindequelle als zweitwasserreichste Quelle Niedersachsens.