Mehr als eine Stadt der Toten - Aktuelle Ausgabe - PRISE

Mehr als eine Stadt der Toten

Pompeji – eine Zeitreise in die Antike verschafft Einblicke in das Alltagsleben der Römer
Von Mona Behn
Ein Augenzeuge berichtet von drei Katastrophen- Tagen im August des Jahres 79 nach Christus. Seine Welt steht Kopf. Er erlebt ein Seebeben aus nächster Nähe. Fische zappeln japsend am Strand. Er hört in einer finsteren Dunkelheit furchtsam klingende, panische Stimmen:
“Weiber heulen, Kinder jammern, Männer schreien; … die einen beklagten ihr Unglück, andere das der Ihren, manche flehten aus Angst vor dem Tode um den Tod, viele beteten zu den Göttern, andere wieder erklärten, es gebe nirgends noch Götter, die letzte ewige Nacht sei über die Welt hineingebrochen.“

Dabei hatte der römische Autor Plinius der Jüngere viel Glück. Er befand sich auf der anderen Seite des Golfs von Neapel, weit entfernt vom Zentrum des Vulkan- Ausbruchs. Er lebte als Jugendlicher bei seinem Onkel, Plinius dem Älteren, der den Wunsch hatte, den Opfern der Naturkatastrophe zu helfen, die Pompeji zerstörte. Diese Hilfe wurde dem damaligen Oberbefehlshaber der Seestreitkräfte zum Verhängnis, er erstickte an giftigem Schwefeldampf, wie sein Neffe, Plinius der Jüngere, in einem Brief an Tacitus ( 58 – 120 n. Chr.; römischer Historiker und Senator) ausführlich dargelegt hat. Zwei Briefe Plinius’ über den Vesuv-Ausbruch sind überliefert – es sind die ersten Beschreibungen eines Vulkan-Ausbruchs.
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BEEINDRUCKEND Die Straßen von Pompeji, am Horizont erhebt sich schemenhaft der Vesuv.
BEEINDRUCKEND Die Straßen von Pompeji, am Horizont erhebt sich schemenhaft der Vesuv.
Plinius, der antike Augenzeuge, beschreibt nicht nur präzise die Form der Wolke, sondern auch die Gewitter in ihr: „Eine schaurige schwarze Wolke, kreuz und quer von feurigen Schlangenlinien durchzuckt, die sich in lange Flammengarben spalteten, Blitzen ähnlich, nur größer.“ Große Lavabomben, Lapilli und Bims hageln auf die Erde nieder.

Nirgendwo anders ist eine Zeitreise in die Antike besser möglich als in Pompeji. Das Schicksal der Vulkanopfer geht unter die Haut – was mit einem Erdbeben begann, entwickelte sich zu einer großen Katastrophe: Der Vesuv bricht aus, und die Bewohner von Pompeji werden vollkommen unvorbereitet getroffen. Ihnen war nicht bewußt, dass sie auf einem Vulkan leben und somit konnten sie die Vorzeichen nicht deuten. Seit Anfang August des Jahres 79 n. Chr. bebt die Erde fast täglich, Wasserleitungen zerbrechen, an den Häusern bilden sich Risse – schließlich sterben viele tausend Menschen und werden unter einer über fünf Meter hohen Schicht aus Asche und Stein begraben.

Dem Archäologen Giuseppe Forelli ist es zu verdanken, dass die erschütterndsten Zeugnisse der Katastrophe für die Nachwelt festgehalten sind. Er ließ in den 1860er Jahren jene Hohlräume in der zu Stein gewordenen Asche mit Gips ausgießen, in denen Menschen und Tiere zu Staub zerfallen waren. Für alle Ewigkeit wurde somit der Todeskampf der Pompejaner festgehalten. Nur wenige der vielen Gipsabdrücke werden allerdings in den Vitrinen auf dem Ausgrabungsgelände den Blicken von alljährlich mehr als drei Millionen Besuchern preisgegeben – als mein Freund Hans und ich den Ausstellungsraum betreten, können wir nur schwer hingucken und schon gar nicht verweilen: Diese letzten Sekunden im Leben der Menschen, in allen Einzelheiten in Gips festgehalten, das Entsetzen und die Angst beim Bewußtsein des nahen Todes ins Gesicht gezeichnet, nein, das wollen und können wir uns nicht ansehen – „komm, lass uns weitergehen“, sagt Hans, ich nicke stumm und wir wenden uns von den Menschen und ihrem Schicksal ab.
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MONUMENTAL Eine Statue im öffentlichen Forum der römischen Ruinen von Pompeji.
Trotzdem spüre ich, der Raum lebt, es ist so viel Energie da – Pompeji ist mehr als eine Stadt der Toten; ich stelle mir vor, wie die Menschen die ausgestellten Utensilien benutzt haben, bin fasziniert von dem mit Mosaiken besetzten kleinen Badetempel. Ganz dicht stehe ich vor ihm, berühre ihn – die Alarmanlage schrillt, ein Museumsangestellter kommt und guckt was geschehen ist ... Ich bin ergriffen, fühle mich mit den Menschen und ihrem Schicksal vor so vielen Jahrhunderten verbunden.

Kaum vorstellbar, dass die Stadt Pompeji lange Zeit in Vergessenheit geraten war. Knapp 1500 Jahre lang hatten Wissenschaftler und auch die im Umland ansässigen Bewohner keine Ahnung, dass sich an dieser Stelle eine ganze römische Stadt befindet – kein Regen, kein Sturm haben es vermocht, die Relikte vergangener Zeit ans Tageslicht treten zu lassen, bis 1594 Kanalarbeiter im Sarno-Tal alte unterirdische Gänge und Inschriften entdeckten.

Doch was genau war eigentlich geschehen? Im Jahr 79 nach Christus brach der Vesuv aus und begrub dabei etwa 15 000 Einwohner der Stadt unter sich, einigen wenigen gelang die Flucht in letzter Sekunde. Mehr als 18 Stunden lang dauerte damals der Ausbruch, bei dem die meisten Menschen bereits in den ersten Stunden durch Gesteinsbrocken oder heiße Asche den Tod fanden. Wer dann noch immer in dieser „Hölle“ ausharrte, wurde spätestens von den pyroklastischen, etwa 800 Grad Celsius heißen Ströme getötet, die sich einige Stunden später vom Vesuv herab ergossen und Pompeji endgültig unter sich begruben – ihnen ist es zu verdanken, dass die Stadt heute noch so aussieht wie sie damals unterging, wurden doch Bauwerke und auch Lebewesen durch sie geradezu konserviert.

Als Hans und ich an diesem Sommertag die perfekt erhaltenen Straßen der Stadt entlangschlendern, die von fast komplett erhaltenen hohen Häusermauern auf beiden Seiten umrahmt werden, fühlt sich Pompeji real und unmittelbar an – vor meinen Augen taucht ebenso der Eseltreiber auf, der gerade mit seinem Sohn den Stall macht und die Tiere füttert, wie auch der Bäcker, der ein ungebackenes Laib Brot in den Ofen schiebt und von dem wir anhand von Inschriften wissen, dass sein Wohnhaus nur wenige Straße weiter ist, als auch die vielen Sklaven, die als Gladiatoren im Amphitheater kämpfen müssen oder ihrer Herrschaft das Bad einlassen.

Die erhöhten Fußgängerüberwege sorgen zum Beispiel dafür, dass sich Fußgänger vor 2000 Jahren nicht die Sandalen beim Überqueren der Straße nass oder schmutzig machten. Die städtischen Brunnen spenden auch heute noch Wasser, das über unglaublich lange Strecken durch antike Aquädukte transportiert wird – das Wasser ist auch heute immer noch trinkbar zur Freude der durstigen Besucher, die hier ihre Plastikflaschen wieder auffüllen.

Apropos trinken: Heiß ist es an diesem Tag im Juni. Schatten spenden nur die kargen Häuserwände, an denen wir dicht entlanggehen – Hans trägt seinen auf Ischia erstandenen Panamahut, ich schütze mich mit einem aufgespannten Regenschirm vor der brennenden Sonne. Nach drei Stunden sind wir erschöpft, haben vom Laufen müde Füße und sind unendlich durstig. Auf das kleine Bistro stoßen wir da gerade zur rechten Zeit. Wir entscheiden uns für ein herrlich erfrischendes Zitronensorbet, das wir in aller Ruhe schlürfen. . . – so, die Lebensgeister sind neu erwacht, wir können ihn fortsetzen, unseren Weg durch diese faszinierende Stadt lebendig gewordener Geschichte.
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AKRIBISCH Studenten der Universität Genua bei ihren Ausgrabungen.
SEHENSWERT Im Archäologischen Museum in Neapel sind zahlreich Relikte aus Pompeji ausgestellt.
SEHENSWERT Im Archäologischen Museum in Neapel sind zahlreich Relikte aus Pompeji ausgestellt.
Pompeji ist ein schönes Beispiel für eine klassische Stadt der Antike. Wir sind ebenso angetan von der Basilika, dem Tempel des Apollon, aber auch von den Statuen und Ehrenbögen, dem Forum sowie der Markthalle – bzw. dem, was von ihnen übrig geblieben ist. Die wunderschön erhaltenen Kassettendecken in den öffentlichen Bädern zeigen Szenen mit gestählten Athleten und schönen Körpern. Die perfekt gefliesten Mosaikfußböden führen von Hauseingängen bis zu Atrien von zerstörten Privathäusern. Der farbenprächtige Christenaltar hinter den Ruinen einer zerstörten Villa, geschützt vor den Touristenmassen, aber sichtbar, wenn man einen kleinen Trampelpfad betritt, lässt erahnen, wie die ersten Berührungen mit dem Christentum waren – mit ihm kamen die über Jahrhunderte an Götter glaubenden Römer zum Monotheismus. Das Christentum hatte sich zu der Zeit allerdings noch nicht etabliert, die religiöse Wende kam erst rund 200 Jahre später mit dem römischen Kaiser Konstantin.

„Schau, wie wunderschön die Farben strahlen“ – Hans ist in die Stadtvilla der einstigen Kaufmannsfamilie Vettius eingetreten und steht bewundernd vor den Wandmalereien. Die Lava hatte die Farbpigmente über die Jahrhunderte konserviert und sie in ihrer Schönheit erhalten – einfach einzigartig. Dazu sollte man jedoch wissen, dass nach den Ausgrabungen die Farben wegen der Sonneneinstrahlung und der Witterungsverhältnisse verblassen. Studenten der Kunstakademie Neapel haben daher Ende des 19. Jahrhunderts viele Motive abgemalt und sie somit für die Nachwelt erhalten. Die Originale haben sie aus den Wänden herausgeschnitten, sie sind im Archäologischen Nationalmuseum von Neapel zu bewundern. Was wir heute in Pompeji bewundern sind also nicht immer die Originale. Das Haus der Vettier wurde gleich nach der Ausgrabung im Jahr 1894 überdacht. Die Malereien sind dadurch besonders gut erhalten, sodass es eine der Hauptattraktionen von Pompeji ist. Über einen längeren Zeitraum war es wegen umfangreicher Konservierungsmaßnahmen nicht zugänglich und wurde im Dezember 2016 wiedereröffnet.
Wir verlassen Pompeji, tief beeindruckt und in Gedanken versunken. Die Erinnerung – noch heute sehe ich uns Hand in Hand über den großzügig gestalteten Marktplatz flanieren und dort in der Ferne, ja, dahinten am Horizont wie ein kleiner Hügel erhebt sich die Silhoutte des Vesuv ganz friedlich und sanft – bleibt in uns verankert: Erinnerung und Mahnung zugleich, denn der Vesuv ist bis heute ein aktiver Vulkan – wie sich die Menschen wohl damals gefühlt haben mussten, als der Vesuv ausbrach und stundenlang Asche und Steine spuckte ... Unvorstellbar, oder?
FARBENFROH Unzählige Wandmalereien sind in herrlichster Farbenpracht für die Nachwelt erhalten worden.
FARBENFROH Unzählige Wandmalereien sind in herrlichster Farbenpracht für die Nachwelt erhalten worden.

ZUERST INS MUSEUM

Bis auf kahle Wände und saubere Straßen erleben die Besucher ein leeres Pompeji. Schon Mark Twain wunderte sich über die Häuser ohne Dächer, und Pompejis rote Wände und ausgeräumten Häuser erinnerten ihn an eine ausgebrannte Stadt.

In einigen Häusern kann man noch einen Tisch oder eine Truhe entdecken. Insgesamt sind aber nur wenige antike Möbel oder Einrichtungsstücke in Pompeji zu sehen. Viele farbenprächtige Bilder und funkelnde Mosaike sind aus den Wänden geschnitten worden, um sie im Museum zu konservieren. Auch Denkmäler und Skulpturen sind von den öffentlichen Plätzen verschwunden. Alltagsgegenstände wie Teller, Tassen, Messer, Löffel, medizinische Instrumente oder sprudelnde Bäder sucht man in Pompeji vergeblich.

All das findet man im Archäologischen Nationalmuseum von Neapel. Unser Tipp: Schauen Sie sich vor einem Besuch in der antiken Stadt das Archäologische Museum in Neapel an. Dort können Sie vom Kochtopf bis zur Gladiatoren- Rüstung vieles finden, was das Leben in Pompeji geprägt hat. Das Museum vermittelt ein lebhaftes, facettenreiches Bild vom Genießen, Lieben, Arbeiten und Feiern in Pompeji. Diese Eindrücke füllen dann anschießend die „schweigenden“ Steine von Pompeji mit Leben.
Fotos: nh/dbvirago - stock.adobe.com; nh/©ArTo - stock.adobe.com; nh/Sergii Figurnyi - stock.adobe.com; mb (3)

FÖRDERUNG LÄUFT AUS

In der Mitte des 18. Jahrhunderts wird die Stadt Pompeji wiederentdeckt. Stück für Stück wird die Stadt ausgegraben und gilt heute mit über 44 Hektar als größte zusammenhängende Stadtruine der Welt und ist UNESCO-Weltkulturerbe. Nur rund zwei Drittel der Stadt sind bislang freigelegt worden, und nur ein Teil davon ist Touristen zugänglich. Es fehlt an Geld, das riesige Areal weiter zu erforschen und die bereits ausgegrabenen Häuser entsprechend zu schützen. Viele Bauten sind nach ihrer Ausgrabung von der Zerstörung bedroht, wenn sie nicht konserviert oder restauriert werden.
2010 stürzten bereits einige Gebäude nach heftigen Regenfällen ein, da sie aufgrund drastischer Kürzungen im Kulturhaushalt Italiens nicht mehr vor dem Verfall gerettet werden konnten. Große Teile des Areals sind aus diesen Gründen für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich.
Durch Fördergelder der EU konnten in den vergangenen Jahren notwendige Restaurierungsarbeiten wieder aufgenommen werden. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten wurden 2015 sechs restaurierte Häuser der Öffentlichkeit nun zugänglich gemacht. 2020 soll das geförderte Großprojekt abgeschlossen sein.
Marktplatz GmbH
„Es war ein wunderlicher und seltsamer Zeitvertreib, durch diese alte, schweigende Stadt der Toten zu wandern – durch völlig verlassene Straßen zu schlendern, wo einst Tausende menschlicher Wesen einkauften und verkauften, liefen und fuhren und den Ort vom Lärm und Wirrwarr des Verkehrs und der Belustigungen widerhallen ließen.“
                
MARK TWAIN, AUTOR

AKTIVE VULKANE

Eine Gefahr für Land und Leute geht auch im 21. Jahrhundert sowohl vom Vesuv als auch den Phlegräischen Feldern aus. Sie sind ein etwa 20 km westlich des Vesuvs gelegenes Gebiet mit hoher vulkanischer Aktivität in der italienischen Region Kampanien. Die Phlegräischen Felder werden als Supervulkan eingestuft.