Noch ein Dürresommer? - Titelthema - PRISE

Noch ein Dürresommer?

Ein Interview mit dem Klimawissenschaftler Prof. Dr. Markus Quante
Von Cécile Amend
Der Klimawandel ist in vollem Gang, seine Auswirkungen werden in vielen Regionen der Welt spürbar. Doch was sind die konkreten Folgen für Norddeutschland? Für unsere Region? Die PRISE hat Prof. Dr. Markus Quante gefragt, Atmosphärenwissenschaftler am Helmholtz-Zentrum in Geesthacht und Honorarprofessor mit Schwerpunkt Klimaphysik an der Leuphana Universität Lüneburg

Herr Quante, seit Mitte März hat es wochenlang kaum geregnet. Die Bodenfeuchte in Deutschland hat im April 2020 alarmierend niedrige Werte erreicht. Die Trockenheit macht Landwirten zu schaffen. Die Natur leidet unter dem fehlenden Wasser. Zufall? Oder sind das Auswirkungen des Klimawandels?
Wir haben nach einem nassen Februar nun in der Tat ein enorm trockenes Frühjahr zu verzeichnen. Das ist besonders kritisch für den Wasserhaushalt, da es ja in den beiden vorausgegangenen Jahren, 2018/2019, zu ausgeprägten Dürren und fast überall zu einem bis in die Tiefe ausgetrockneten Boden gekommen ist. 2018 gab es im Deutschlandvergleich in Niedersachsen neben den ostdeutschen Bundesländern die niedrigsten Regenfälle und entsprechende Niederschlagsdefizite.

Um einen Zufall handelt es sich hier mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht. Die Ereignisse können durchaus als Auswirkungen des Klimawandels angesehen werden. Es ist erwiesen, Extremereignisse wie Hitzewellen, Starkregen und auch Dürren, werden durch den Klimawandel verstärkt. Und die globalen Wetterdaten zeigen, dass derartige Wetterextreme nun häufiger auftreten. Somit passen die anhaltenden Trockenphasen durchaus ins Bild des sich zeigenden Klimawandels. Zudem können durch die klimawandelbedingte Abschwächung des Strahlstroms in der höheren Atmosphäre bestehende Wetterlagen eine größere Persistenz erhalten und zu einer Verlängerung und Verstärkung vorhandener Situationen führen, wie während der langanhaltenden Dürre im Sommerhalbjahr 2018.

Für Einzelereignisse den Zusammenhang zum Klimawandel zu erstellen, ist nicht trivial. Aber, ein internationales Team um die Physikerin Friederike Otto von der Universität Oxford, das sich mit dem neuen Feld der Zuordnungswissenschaft befasst, sagt eindeutig zur Hitzewelle des Sommers 2018: „Das ist Klimawandel.“ Die Dürren der letzten beiden Jahre haben uns vor Augen geführt, der Klimawandel ist kein abstraktes und entferntes Problem, er kann uns auch in Deutschland ganz direkt betreffen.

Droht uns 2020 ein neuer Dürresommer?
Vieles deutet auf einen Dürresommer 2020 hin, die wenigen kleineren Schauer reichten bisher nicht, um die Wasserspeicher im Boden zu füllen. Der Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung zeigt derzeit Dürre bis in tiefe Bodenschichten an. Selbst in 1,8 Metern Tiefe sind in großen Teilen des Landes die Wasserspeicher verbraucht, denn schon in den vergangenen zwei Jahren war es viel zu trocken. Die Forschung zu Jahreszeitenvorhersagen steckt noch in den Anfängen, hier kommen anders als bei der Wettervorhersage auch Meeresströmungen ins Spiel. Die Aussagen geben zudem bisher auch nur Tendenzen an. Ein Modellsystem des Feuerwarnforschungsgruppe der Europäischen Kommission und des Europäischen Zentrums für Mittelfristvorhersage zeigt derzeit für die Sommermonate in Deutschland im Vergleich zum klimatologischen Mittel eine klare Tendenz zu geringeren Niederschlägen und damit zur Trockenheit an. Ein Dürresommer 2020 erscheint derzeit als ziemlich wahrscheinlich.

Die Erfahrungen der vergangenen beiden Jahre bestätigen, dass eine Dürre ein durchaus realistisches Ereignis für Deutschland ist. Da Dürren im Verhältnis zu Hochwasser/Sturmfluten und Stürmen seltener auftreten, fehlt es an Erfahrung. Eine Risikoanalyse der Bundesregierung vom April 2019, hat sich mit den Auswirkungen eines mehrjährigen Dürreszenarios befasst. Welche wären das?
Die Risikoanalyse wertet ein ziemlich realistisches sechsjähriges Dürreszenario aus. Die derzeitige Trockenperiode in Deutschland dauert bereits seit 2015 an, mit einer Unterbrechung in der zweiten Hälfte 2017 und im Januar 2018. Alle betrachteten Sektoren wie die Trinkwasserversorgung, Ernährung, Energieversorgung, Gesundheitssystem, Verkehr und Wirtschaft wie auch die Umwelt zeigten in der Szenarioauswertung deutliche negative Auswirkungen bei einer lang anhaltenden Dürre. Hier können natürlich nicht die vielen Einzelergebnisse besprochen werden, ich nehme mal ein paar Aspekte heraus.

Während des gesamten Dürreereignisses ist mit Ernteertragsrückgängen zu rechnen. Für das letzte Szenariojahr lassen sich Ertragsdepressionen von bis zu 60 Prozent einer Durchschnittsernte abschätzen. Großflächige Niederschlagsdefizite führen zudem zu einem hohen Waldbrandrisiko. In Gebieten, in denen die Trinkwasserversorgung bereits heute angespannt ist oder in Konkurrenz zu anderen Nutzungen, z. B. der Landwirtschaft, steht, kann es zu Problemen bei der Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser kommen. Zu den Risikogebieten zählen unter anderem die östliche Lüneburger Heide und zentrale Bereiche Ostdeutschlands. Bei extremen Flussniedrigwasser kann es zu vorübergehenden Einschränkungen oder gar zur Einstellung der Binnenschifffahrt kommen, mit entsprechenden Versorgungsengpässen, da nicht alles auf Straße und Schiene verlagert werden kann.

Durch die großen betroffenen Flächen zählen Dürren übrigens zu den schadenträchtigsten Naturkatastrophen.
Gabor Shop
Darüber hinaus führten der frühere Beginn der Vegetationsperiode, ein hoher Strahlungseintrag und teilweise starker Wind zu hohen Verdunstungsraten. Was sind die Folgen für uns?
Die aus den erwähnten pflanzenphysiologischen und meteorologischen Bedingungen folgenden hohen Verdunstungsraten und das gleichzeitige Ausbleiben von genügend Niederschlag führt unmittelbar zur Austrocknung der obersten Bodenschichten. Dadurch ist direkt die Wasserversorgung der Pflanzen betroffen. Zudem hat eine ausreichende Bodenfeuchte durchaus einen wichtigen Einfluss auf die weitere Niederschlagsbildung in einer Region in den zeitlich nachfolgenden Wochen und Monaten (Rezirkulationsniederschläge). Ein zu trockenes Frühjahr kann sich im folgenden Sommer auswirken und sich dann entwickelnde Dürrephasen verstärken und verlängern.

Welche weiteren Entwicklungen zeichnen sich ab?
Für die regionalen Klimamodelle sind Komponenten des Wasserkreislaufs, also auch die Niederschlagsentwicklung, wegen der Komplexität der Prozesse ein notorisch schwieriges Thema. Von den verfügbaren Modellen bekommen wir unterschiedliche Signale für die Zukunft, insbesondere was die Frühjahrs- und Sommerniederschläge betrifft. Da gibt es noch großen Entwicklungsbedarf in der Klimawissenschaft. Abhängig vom simulierten Zukunftsszenario zeichnen sich generell mehr Extremereignisse ab, zu denen auch ausgeprägte und zum Teil verlängerte Dürrephasen gehören. Wir haben allerdings auch vermehrt mit intensiveren Starkniederschlagsereignissen zu rechnen, die durchaus auch Auswirkungen auf die Landwirtschaft haben können, z.B. die Befahrbarkeit von Feldern einschränken.

Ist Norddeutschland schon jetzt vom Klimawandel betroffen? In wie fern wirkt er sich bereits auf die Region Lüneburg aus?
Es hat sich einiges verändert, die mittlere Temperatur ist in Niedersachsen seit 1881 um 1,5 Grad Celsius angestiegen. An der meteorologischen Messstation Lüneburg/ Wendisch Evern wurde 2018 als das wärmste Jahr seit dem Beginn der verlässlichen Aufzeichnung in 1853 verzeichnet, gefolgt von den Jahren 2014 und 2019. Auch die Niederschlagsdefizite zeigen sich in der Region. Die Niederschlagsmenge in den Frühjahrsmonaten der letzten Jahre ist in Norddeutschland um 5 Prozent gegenüber der Klimanormalperiode gesunken. Die Dauer der längeren Trockenphasen im Frühjahr hat sich in den letzten Dekaden in Norddeutschland um 10 bis 20 Prozent verlängert. Der Sommerniederschlag zeigt sich über die Jahrzehnte sehr variabel, aber die Dürrephasen der letzten beiden Jahre waren auch bei uns präsent. Insgesamt scheinen die vorherrschenden Wetterlagen länger anhaltend zu sein. Von diesen Veränderungen ist derzeit insbesondere die Land- und Forstwirtschaft betroffen.

Welche Probleme ergeben sich, wenn sich das Klima in der Region ändert?
Wenn sich das Klima weiter in dem Tempo ändert wie bisher, werden wir es auch bei uns vermehrt mit ausgeprägten Hitzewellen zu tun haben. Das beeinträchtigt besonders die für Hitzestress anfälligen Bevölkerungsgruppen wie die ältere Menschen oder Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Für eine Stadt wie Lüneburg heißt das, möglichst den Stadtwärmeinseleffekt z.B. durch Begrünungsmaßnahmen und das Offenhalten von Kaltluftschneisen, zu reduzieren und auch den Stadtbesuchern beschattete Aufenthaltsplätze und Trinkwasserspender anzubieten.

Ausgeprägte Dürrejahre werden zu entsprechenden Ernteausfällen führen, wenn keine agrarrelevanten Anpassungsmaßnahmen durchgeführt wurden. Die zugelassenen Beregnungskontingente für die Felder wurden 2018 von einigen Landwirten in der Region schon mehr als ausgeschöpft, um nicht zu sagen deutlich überschritten. Der Temperaturanstieg führt voraussichtlich zu verstärktem Unkrautdruck durch wärmeliebende Unkräuter. Zur Orientierung: Die Schäden in der Landwirtschaft lagen 2018 in Deutschland irgendwo zwischen 700 Millionen und drei Milliarden Euro. Mit verlängerten Trockenphasen steigt auch das Waldbrandrisiko in unserer Region stark an, auch hier gilt es, entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Trockenheit in den Wäldern erhöht auch die Anfälligkeit gegenüber Schädlingen, der intensive Befall mit dem Borkenkäfer sei hier erwähnt. In Deutschland lagen 2018/19 die Schäden durch den Borkenkäfer in Höhe von drei Jahreseinschlägen.

Auch andere häufiger zu erwartende Extremereignisse wie Flussüberschwemmungen, Hagel- oder Stürme können der hiesigen Land- und Forstwirtschaft binnen Stunden oder innerhalb weniger Wochen erheblichen Schaden zufügen. Trockenschäden in den Wäldern aber auch die übermäßige Durchfeuchtung von Waldböden können bei Sturmereignissen schneller zum Baumwurf führen.

Was sind Folgen für Flora und Fauna?
Neben den erwähnten Trockenheitsschäden an Pflanzen in der Land- und Forstwirtschaft sind solche auch an frei wachsenden Pflanzen zu beobachten. Mit den höheren Mitteltemperaturen und reduzierten Frosttagen geht eine Ausbreitung heimischer und nicht-heimischer wärmeliebender Arten in Deutschland und ein Rückgang von kältebedürftigen Arten einher. Auch zahlreiche Tierarten reagieren zum Teil durch eine Verschiebung ihrer Verbreitungsgebiete und der zeitlichen Abfolge von Lebensstadien (Paarungszeit, Eiablage etc.), was sich auch negativ auf Nahrungsketten auswirken kann. Die Körpertemperatur von Insekten ist weitgehend von der umgebenden Temperatur abhängig. Damit reagieren sie besonders stark auf Temperaturveränderungen.

Es gibt bereits Belege dafür, dass sich Verbreitungsgebiete und Artenzusammensetzung mitteleuropäischer Insekten mit der globalen Erwärmung verändert haben. Zu den Gewinnern des Klimawandels gehören beispielsweise die Holzbiene und der farbenprächtige Bienenfresser. Der Wärme liebende Vogel breitet sich von Südeuropa kommend immer weiter im Norden aus. Zu den Verlierern gehören Schmetterlinge. Einige ohnehin schon sehr seltene Schmetterlingsarten werden aus weiten Teilen Deutschlands verschwinden wie Hochmoorgelblinge, Randring- Perlmutterfalter, Hochmoorbläulinge und Natterwurz-Perlmutterfalter.
Noch ein Dürresommer? Image 2
EXPERTE Prof. Dr. Markus Quante Atmosphären­wissen­schaftler am Helmholtz-Zentrum in Geesthacht und Honorarprofessor mit Schwerpunkt Klimaphysik an der Leuphana Universität Lüneburg.
Die neuen Klimabedingungen liefern auch den Raum für invasive Arten, die zum Teil auch heimischen Arten das Leben schwer machen. Eindringende neue Schädlinge können die Pflanzen- und Tierwelt unter Druck setzen. So hat sich seit 2011 beispielsweise die Kirschessigfliege deutschlandweit ausgebreitet, sie verursacht große Schäden im Obstbau.

Auch Gewässern leiden, hier sind wärmebedingte Sauerstoffprobleme zu erwähnen. Auch können mit dem Ausbleiben von Niederschlägen verbundene niedrige Wasserstände in Seen, Flüssen und Bächen ökologische Schäden im Naturraum nach sich ziehen.

Es muss auch gesagt werden, dass es hier noch enorme Wissenslücken zu Detailfragen gibt und es gegenwärtig nicht möglich ist, z.B. den Einfluss von Extremwetterereignissen auf das Schaderregerauftreten und mögliche Ertragsverluste abzuschätzen und zu bewerten. In der Tier- und Pflanzenwelt gibt es ein umfassendes Beziehungsgeflecht, das nachhaltig gestört werden kann, ohne dass einzelne Arten an die Grenzen ihrer physiologischen Toleranzbereiche kommen.

Wie können sich die hiesigen Bauern an den Klimawandel anpassen?
Das mit dieser Frage angerissene Gebiet, wie übrigens auch das der direkt vorausgegangen Frage, gehört nicht in den Bereich meiner Kernexpertise als Atmosphärenwissenschaftler. Eine leicht zu verallgemeinernde Empfehlung an die Bauern scheint momentan nicht vorzuliegen. Der Klimawandel hat zudem nicht nur beschränkende Auswirkungen. Die steigende Durchschnittstemperatur in Deutschland beeinflusst z.B. das Pflanzenwachstum im Jahresverlauf und führt zu längeren und zeitlich verschobenen Vegetationsphasen. Es können neue Pflanzenarten angebaut werden, hier werden z.B. Soja und Hartweizen genannt. Steigende atmosphärische CO2-Konzentration können sich positiv auf das Pflanzenwachstum und ihre Wassernutzungsfähigkeit auswirken.

Insgesamt eine komplexe Gemengelage. Allein einen Fruchtwechsel hin zu trockenresistenten Arten zu empfehlen, insbesondere vor den noch existierenden Unsicherheiten in den Niederschlagsprognosen für die vor uns liegenden Dekaden, scheint noch verfrüht. Hier gilt es, weitere pflanzenökologische Forschungen und hydrometeorologische Klimaprojektionen im Auge zu behalten. Eine solche Aussage, das kann ich verstehen, ist nicht gänzlich befriedigend, da mit Umstellungen eigentlich recht bald begonnen werden müsste. Aber es gibt natürlich auch schon Anpassungsstudien und -beratungen durch die Fachinstitutionen. Übergeordnet möchte ich hier nur das Johann-Heinrich von Thünen- Institut und die Helmholtz-Klimainitiative nennen.

Auf was muss sich jeder von uns vorbereiten?
Das ist ein sehr weites Feld, deshalb muss ich hier sehr unspezifisch bleiben. Wir alle müssen uns auf vielfältige Veränderungen im persönlichen aber auch generellen Umfeld einstellen und im Bereich Klimaschutz auf individuell unterschiedliche Umgestaltungen unseres Alltags vorbereitet sein. Viele von uns werden durch die oben genannten Beeinträchtigungen im Landwirtschaftssektor direkt oder indirekt beeinflusst werden, sei es durch Lieferengpässe oder über den Preis, darüber muss man sich klar sein.

Im Gesundheitsbereich muss man sich auf häufigere Hitzewellen und den damit verbundenen physiologischen Belastungen einstellen. Ein wirksamer Klimaschutz wird sich sicher auch auf unser Mobilitätsverhalten und unsere Mobilitätsmöglichkeiten auswirken müssen. Als Gesellschaft sind vermutlich von uns auch Antworten auf den verträglichen Umgang mit klimawandelbedingter Migration zu finden.

Ist der Klimawandel noch aufzuhalten?
Der Klimawandel ist schon länger auf dem Weg, viele Veränderungen lassen sich schon zweifelsfrei beobachten, das ist natürlich nicht mehr aufzuhalten. Und Einiges ist schon angeschoben, das sich nicht schnell einfangen lässt. Angetrieben durch die Treibhausgasemissionen der Vergangenheit ist jetzt schon Energie in den Ozeanen gespeichert, die die globale Mitteltemperatur noch weiter steigen lassen wird, auch ohne weitere Emissionen. Auch begonnene Schmelzprozesse sind nicht mal so eben zu stoppen.

Die verfügbaren Klimaprognosen für die vor uns liegenden Dekaden und die Zeit bis zum Jahrhundertende zeigen auf, dass der Klimawandel je nach unterliegendem Szenario sich in der Zukunft unterschiedlich stark entfalten kann. Der Möglichkeitsraum ist weit, er reicht von einer drastischen globalen Erwärmung bis hinunter zu einer als gerade noch akzeptabel angenommen Temperaturentwicklung.

Es besteht theoretisch die Möglichkeit, auch wenn wir den Klimawandel jetzt nicht gänzlich stoppen können, ihn mit den nötigen Anstrengungen deutlich abzumildern und dadurch das Zwei-Grad-Ziel, auf das sich die Staaten der Weltgemeinschaft 2015 in Paris geeinigt haben, zu erreichen. Dazu bedarf es aber drastischer Anstrengungen im Klimaschutz und entsprechender Veränderungen in unserem Emissionsverhalten. In der Praxis muss sich das noch zeigen. Es gibt einige Bemühungen, aber die erreichten Zwischenziele und angekündigten Maßnahmen sind zu wenig für das Erreichen des Zwei-Grad-Ziels, und schon gar nicht für die angestrebte 1,5 Grad-Marke. Die genannten Temperaturziele lassen sich eigentlich nur durch den massiven Einsatz von sogenannten „negativen Emissionstechnologien“ erreichen, von denen allerdings einige als kritisch und mit unerwünschten Nebenwirkungen einhergehend eingestuft werden können.
Noch ein Dürresommer? Image 3
Noch ein Dürresommer? Image 4
Noch ein Dürresommer? Image 5
Lakier & Karosserie Center Lüneburg
Was sind dafür die wichtigsten Schritte? Welche konkreten Maßnahmen halten Sie für wichtig?
Um von dem eingeschlagenen Klimawandelpfad herunterzukommen, sind natürlich drastische Reduzierungen der Treibhausgasemissionen erforderlich. Und hier geht es nicht nur um das Kohlendioxid, das insbesondere dem Energiesektor und auch dem Verkehr zuzuordnen ist, sondern auch um andere Klimagase, von denen Methan und Lachgas noch genannt werden sollten, die unter anderem auch durch die Landwirtschaft im größerem Umfang freigesetzt werden.

Bei konkreten Maßnahmen lassen sich jede Menge zusammentragen, zu viele um hier niedergeschrieben werden zu können. Der Einsatz von regenerativen Energien zur Stromerzeugung und im Verkehrssektor steht sicher ganz oben an. Ganz aktuell sollten wir unbedingt beim „Wiederhochfahren“ im Nachlauf der Corona-Pandemie nicht wieder auf den alten fossilen Weg zurückfallen, sondern die Veränderungschance Richtung nachhaltiger Lösungen und grüner Technologie nutzen, um uns zur Klimaneutralität zu bewegen.

Für ebenfalls wichtig halte ich umfassende Klimaanpassungsmaßnahmen, denn der Klimawandel wird erst mal voranschreiten. Auch ein weites Feld, das von Veränderungen in der Landwirtschaft bis zu Deicherhöhungen reicht. Dazu gehört auch die nennenswerte finanzielle und technologische Unterstützung der wirtschaftlich nicht so starken Länder der Erde, die eher zu den Opfern als zu den Verursachern des Klimawandels zählen.

Müssen wir weniger Fleisch essen?
Mit dem Begriff „Müssen“ tue ich mich schwer, ich setzte da lieber auf Freiwilligkeit und Einsicht. Aber ja, eine deutliche Reduzierung des Fleischkonsums wäre hinsichtlich der klimarelevanten Emissionen, die mit der Fleischproduktion verbunden sind, aus Sicht des Klimaschutzes sehr zu begrüßen. Es gibt auch andere Gründe wie das Tierwohl, die Vermeidung von Massentierhaltung und die gerade jetzt wieder sichtbar gewordenen Zustände in einigen Schlachthöfen, die im co-benefit die Verringerung des Fleischkonsums wünschenswert erscheinen lassen.

Wenn Sie wetten müssten: Schafft die Menschheit das?
Hier mache ich es recht kurz. Ich wünsche mir natürlich, dass die Menschheit den Klimawandel auf ein erträgliches Maß begrenzen kann. Beim strikten Einhalten des Zwei-Grad-Ziels bin ich aber doch eher skeptisch, selbst wenn wir es schaffen, uns entschlossener in die richtige Richtung zu bewegen.

Im anderen Extrem gehe ich nicht von einer gänzlichen Auslöschung der Menschheit aus, wie die Frage nach dem „Schaffen“ ja auch verstanden werden könnte. Auch möchte ich noch sagen, es lohnt sich jede Anstrengung zu unternehmen, den Klimaschutz über Emissionsminderungen engagiert anzugehen. Jedes halbe Grad zählt und macht es den zukünftigen Generationen viel einfacher, sich in ihrer Umwelt entfalten zu können. Und hierbei habe ich auch ganz explizit die Lebensbedingungen im globalen Süden im Auge.

Was sagen Sie Menschen, die den Klimawandel leugnen?
Hardcore-Klimaleugnern sage ich nichts mehr, die wollen in der Regel gar nicht zuhören. Sie haben häufig eine andere Agenda und ignorieren gern die Fakten. Skeptisches Nachfragen finde ich völlig akzeptabel, skeptisches Nachfragen gehört sogar essenziell zum wissenschaftlichen Prozess. Sich als Wissenschaftler selbst zu hinterfragen und die Arbeiten von Kollegen begutachten zu lassen ist unabdingbar. Mit Personen, die Aspekte zum Klimawandel kritisch hinterfragen, diskutiere ich gern. Man kann Zusammenhänge erläutern oder darauf hinweisen, an welcher Stelle sogenannte Klimaskeptiker die Sicht auf die Fakten verkürzen oder verdrehen. Ich verweise dann auch auf die unterliegenden, wissenschaftlichen Unsicherheiten oder Forschungslücken. Aber eins ist klar, der Klimawandel ist real, er schreitet voran und wir Menschen haben den größten Anteil daran.

Was würden Sie jungen Menschen für die Zukunft mitgeben?
Vieles! Als jemand mit vier Enkelkindern, geht mir diese Frage häufig durch den Kopf. Hier auf den Klimawandel bezogen, möchte ich betonen, dass mich das aktive, informierte Einsetzen der Bewegung „Fridays for Future“ für den Klimaschutz sehr imponiert hat. Deshalb beteilige ich mich auch an der Initiative „Scientists for Future“, die die „Fridays“ unterstützt. Diesen jungen Menschen möchte ich gern neben der Bestärkung für den Klimaschutz und damit für ihre Zukunft intensiv am Ball zu bleiben, mitgeben, nicht zu verzagen, wenn ihre Forderungen nicht direkt eins zu eins umgesetzt werden. Ihre weltweiten Demonstrationen haben schon einiges bewirkt, aber es gehört in einer Demokratie auch dazu, Kompromisslinien zu finden. Es liegt mir am Herzen zu sagen; die jungen Menschen sollen möglichst ihr Einsetzen für den Klimaschutz und andere Zukunftsthemen, auch wenn es langsam geht, nicht frustriert fallen lassen. Es wird sich für alle lohnen.
Fotos: 9dreamstudio - stock.adobe.com/A/t&w
„Ein Dürresommer 2020 erscheint derzeit als ziemlich wahrscheinlich.“
    
PROF. DR. MARKUS QUANTE
5
Prozent weniger gegenüber der Klimanormalperiode betrug die Niederschlagsmenge in Nordeutschland in den Frühjahrsmonaten der letzten Jahre.
Autohaus Stein GmbH
„Das ist Klimawandel.“
    
INTERNATIONALES TEAM
UM DIE PHYSIKERIN FRIEDERIKE OTTO
VON DER UNIVERSITÄT OXFORD