Oase hinterm Gartenzaun - Aktuelle Ausgabe - PRISE

Oase hinterm Gartenzaun

Familie Rhein lädt die PRISE in ihren Kleingarten ein
Von Melanie Jepsen
Gärten haben etwas Beruhigendes. Sie entschleunigen, wecken in uns das Bewusstsein für die Schönheit der Natur. Gärten sind grüne Wohlfühloasen. Ihre Gestaltung verrät viel über den Besitzer. Ob auf dem Land oder in der Stadt, der Wunsch nach einem eigenen Fleckchen Grün, auf dem Obst und Gemüse gedeihen, Blumen blühen und der Insekten Lebensraum schenkt, ist doch derselbe. Urbaner Gartenbau erfreut sich großer Beliebtheit. Dort, wo Grünflächen rar sind und nicht jeder einen Garten vor der Haustür hat, schaffen sich die Menschen ihre eigenen kleinen Rückzugsorte. Die PRISE besucht Familie Rhein in ihrer grünen Oase in Lüneburg. Familienvater Sascha Rhein weiß als Vorsitzender des Kleingärtner-Bezirksverbandes Lüneburg e.V. um die Bedeutung, die Kleingärten und urbanes Gärtnern für das Leben in der Stadt haben.

Bereits als der Familienvater mich durch das Gartentor der Kolonie „Gartenfreunde Moorfeld e.V.“ führt, sehe ich, wieviel Herzblut die Familie in die Pflege und Bewirtschaftung ihres Gartens steckt. Für Sascha Rhein liegt die Faszination für Kleingärten auf der Hand: „Die Gemeinschaft. Der Kleingarten ist von dem Verein nicht zu trennen. Wir gärtnern nicht nur nebeneinander her, sondern wir arbeiten miteinander, helfen einander. Wir sind wie eine große Familie, haben Verantwortung für eine Gemeinschaft. Wir-Gärten seit 200 Jahren.“
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FAMILIE Rhein verbringt das ganze Jahr viel Zeit in ihrem Kleingarten.
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Auf der Terrasse vor der Holzlaube von Familie Rhein laufen mir zwei tierische Bewohner des Gartens über den Weg: die beiden Schweine fühlen sich sichtlich wohl. Direkt nebenan hält die Familie Meerschweinchen und Kaninchen. Auch Pferde leben auf dem zwei Hektar großen Areal. Tochter Lea verbringt viel Zeit auf der Weide und dem Reitplatz. Ihre Schwester Lucy kümmert sich indes liebevoll um die Kleintiere. Ihr Bruder Bastian verbringt ebenfalls viel Zeit auf dem weitläufigen Gelände. ‚‚Wir sind jeden Tag hier“, sagt Sascha Rhein. Schon einige Geburtstage hat die Familie in den vergangenen Jahren hier gefeiert.

„Viele Urlaube stecken im Garten“, erzählt Mutter Tina-Maria. Ob Bohnen, rote Bete, Kirschen, Erdbeeren oder Johannisbeeren, alle Familienmitglieder packen mit an und helfen bei der Bewirtschaftung der Beete. Für Familie Rhein ist der Kleingarten ihr ganz persönlicher Luxus. In Deutschland wurde der erste Kleingartenverein vor mehr als 200 Jahren gegründet, genauer gesagt in Kappeln bei Flensburg. Heute gibt es bundesweit knapp eine Million Kleingärten. „Die Schrebergartenkultur ist ja ursprünglich einmal auch zur Betreuung von Kindern und Jugendlichen entstanden. Und so verstehe ich heute noch den Kleingarten als Angebot für eine sinnvolle Beschäftigung und Hobby für Menschen von ganz jung bis sehr alt“, beschreibt Sascha Rhein den Wandel, den die Schrebergartenkultur in den Jahren erlebte. „Sicherlich steht der Gedanke einer notwendigen Ergänzung von Lebensmitteln durch die Ernte im Kleingarten, wie etwa direkt nach den Kriegen, heute nicht mehr im Vordergrund. Dafür ist vielen Kleingärtnern heute der ökologische Anbau ihrer Erzeugnisse sehr wichtig geworden. Was geblieben ist, ist die erfüllende Arbeit mit dem Stück Land, das wir gepachtet haben.“
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CHARME Mit viel Liebe zum Detail haben sie ihre grüne Oase gestaltet. Überall gibt es etwas zu entdecken. Auch Tiere leben auf dem Grundstück der Familie.
Natur- und Umweltschutz spielen auch in den Kleingärten eine immer größere Rolle, weiß der Lüneburger: „Wir sind als Kleingärtner nicht nur Teil unseres Vereins, sondern auch Teil einer viel größeren Gemeinschaft, in unserem Fall der Stadt Lüneburg. Und in diese Gemeinschaft müssen wir unsere Fähigkeiten einbringen. Ökologie ist neben Integration und demokratischen Spielregeln eine unserer drei Kernkompetenzen. Und so setzen wir diesen Grundsatz nicht nur in den Gärten selbst um, indem wir, wie seit vielen Jahren in der Gartenordnung festgeschrieben, auf Pestizide und Herbizide vollkommen verzichten.“ Darüber hinaus betreuen die Kleingärtner auch ökologische Gemeinschaftsprojekte wie öffentlich zugängliche Streuobstwiesen, Hochbeete, Blühstreifen für Bienen und vieles mehr. Wie sieht für Sascha Rhein der perfekte Garten aus? „Immer anders“, sagt er. „Bei meinen Gartenbegehungen durch die Vereine freue ich mich immer wieder, unterschiedliche Gärten zu sehen, andere Ideen zu erfahren. In der Vielfalt liegt das Interessante.“

Kann sich eigentlich jeder einen Kleingarten zulegen? „Ja“, sagt Sascha Rhein. „Von dem Interesse an einer Parzelle – Aushänge gibt es in den Anlagen oder den Gärten direkt – bis zu Pachtvertrag und Aufnahme in den Verein vergehen nur wenige Tage. Bei 400 Quadratmetern liegt die Pacht im Schnitt bei 60 Euro im Jahr. In ungefähr gleicher Höhe kommt der Mitgliedsbeitrag dazu. Und bei Nichtgefallen kann der Garten zum Jahresende wieder gekündigt werden. Mehr Schnuppern geht kaum.“ Der Duft der Blumen, das Gemüse, das Stück für Stück heranreift und mit eigenen Händen geerntet wird, das alles macht diese kleinen grünen Oasen inmitten der Stadt aus. So entstehen immer wieder einzigartige und schöne Momente. Für Sascha Rhein sind es die strahlenden Gesichter seiner Familie, wenn sich die monatelange Arbeit auszahlt.
Fotos: be (5), mj (1)
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Million Kleingärten gibt es bundesweit
„Bei meinen Gartenbegehungen durch die Vereine freue ich mich immer wieder, unterschiedliche Gärten zu sehen, andere Ideen zu erfahren. In der Vielfalt liegt das Interessante.“
                
SASCHA RHEIN
KLEINGÄRTNER AUS LÜNEBURG